Leben mit erkrankten Personen

Der Umgang mit dem Erkrankten und seiner Erkrankung

„Es zieht einem den Boden unter den Füßen weg …“ – so beschreibt Frau Helga Thurnher von der Selbsthilfegruppe Darmkrebs das Gefühl, als Sie von der Diagnose Darmkrebs Ihres Mannes erfuhr.

Es ist eben nicht nur der Erkrankte selbst, der mit der neuen Situation zu Recht kommen muss. Auch sein soziales Umfeld – Familie, Freunde, Arbeitskollegen – steht vor einer neuen Herausforderung.

Dabei ist es naheliegend, dass man sich als Partner mit dem Schicksal des Patienten identifiziert und sich dazu verleiten lässt, dieses sofort selbst in die Hand nehmen zu wollen. Dem Patienten Hilfe und Stütze zu sein und ihn dabei trotzdem nicht zu bevormunden – darin sehen Angehörige, die diese Erfahrungen gemacht haben, die größte Herausforderung.

So sehr man sich als Partner jetzt mit den eigenen Bedürfnissen zurücknimmt, so wichtig ist es aber auch für den Angehörigen, die Zeit mit dem Partner/der Partnerin zu genießen und nicht an der Situation zu verzweifeln.

Dazu einige Anregungen, die vielleicht helfen können, das Leben mit der Erkrankung des Patienten so gut wie möglich anzunehmen:

  • Die große Herausforderung ist es, auf den Patienten einzugehen, aber ihn nicht zu bemitleiden.
    Wenn möglich, einen „normalen“ Alltag leben.
  • Der Versuch, dem Patienten Arbeiten abzunehmen, die zu anstrengend sind, aber es ihn so wenig wie möglich spüren zu lassen. So wird es einen Angehörigen zum Beispiel nicht stören, einmal mehr mit dem Lift zu fahren, um dem Patienten das Treppensteigen zu ersparen.
  • Aufmerksam sein, aber nicht alles vorwegnehmen, Entscheidungen dennoch dem Patienten überlassen.
  • Offener Umgang miteinander: Das Gespräch suchen, wenn es nötig scheint, aber keinen Druck ausüben, keine Vorwürfe machen, wenn kein Gespräch zustande kommt. Umgekehrt versuchen, da zu sein und zuzuhören, wenn der Patient/die Patientin das Bedürfnis hat, zu reden.
  • Wenn beide wollen, auch das Gespräch mit dem Arzt suchen: Vier Ohren hören mehr als zwei. Der Arzt, der Patient und der Angehörige – sie sind ein Team.
Info

Leider gibt es in Österreich bisher noch keine Plattform für jugendliche Angehörige von an Krebs Erkrankten. Aber gerade für Kinder und Jugendliche ist die psychotherapeutische Unterstützung in dieser schwierigen Lebenssituation sehr wichtig.

Informationen dazu erfragen Sie bitte beim behandelnden Arzt bzw. in Ihrem Krankenhaus. Darüber hinaus bieten die Krebshilfe und der Verein Rainbows Beratung für jugendliche Angehörige.

  • Krebshilfe: www.krebshilfe.net
    Die Krebshilfe hat verschiedene Beratungsstellen und -zeiten. Von den unterschiedlichen Landesorganisationen werden auch Familiengespräche angeboten, wo unter psychotherapeutischer Leitung alle „an einem Tisch sitzen“. Hier eröffnet sich die Möglichkeit, Gedanken, Sorgen und Ängste zu teilen und auch neuartige Perspektiven in die veränderten Lebensumstände integriert zu werden.
  • Verein Rainbows: www.rainbows.at
    „…Der Verein RAINBOWS bietet Kindern und Jugendlichen, die vom Verlust eines Elternteils betroffen sind, einen sicheren und geschützten Rahmen, in dem sie über ihre Erfahrungen, Gedanken und Gefühle sprechen können. Kinder und Jugendliche werden bei der Bewältigung ihrer Trauer unterstützt, und es wird ihnen geholfen, mit ihrer neuen Familiensituation besser zu Recht zu kommen. Sie erfahren in der Kleingruppe, wie andere Kinder damit umgehen und lernen voneinander….“
    Seminare für Eltern und Jugendliche, Workshops, bis hin zu Feriencamps für betroffene Jugendliche werden angeboten.
Meinung des Arztes
Univ. Prof. Dr. Gabriela Kornek

Ärztliche Direktorin des AKH Wien.
Foto: CCC/Fotografie Sabine Gruber

Ich würde dringend raten, bei der österreichischen Krebshilfe nachzufragen. In einer solchen Situation ist sicher professionelle Hilfe und Unterstützung der ganzen Familie empfehlenswert. Unter der kostenlosen Krebs-Telefonnummer 0800-699900 kann entprechendes Informationsmaterial angefordert werden.

Sie müssen Ihren Arbeitgeber natürlich nicht über Ihre Erkrankung informieren – Ihr Arbeitgeber hat kein Recht dazu, darüber informiert sein zu müssen. Wenn Sie jedoch eine Chemotherapie erhalten und Nebenwirkungen auftreten wie Haarausfall oder Hautveränderungen, dann ist es oft leichter, wenn Sie Ihre Arbeitskollegen vorher darüber informieren. Prinzipiell sollten Sie entscheiden, was Ihnen leichter fallen würde (den Haarausfall anders erklären oder über die Erkrankung aufklären).

Meinung des Arztes
Mag. Karin Isak

Psychologische Leitung des Beratungszentrums 
der Österreichischen Krebshilfe Wien

Jugendliche wehren ihre Angst und Hilflosigkeit sehr häufig mit Rückzug und Verweigerung ab. Sie haben meist große Angst um den Gesundheitszustand des erkrankten Elternteils, sind aber nicht in der Lage, darüber zu reden. Denn gerade in diesem Alter ist es schwer, über Gefühle zu sprechen. Ein möglicher schulischer Leistungsabfall ist ein Ausdruck auf anderer Ebene. Eine Möglichkeit wäre, zu einem Familiengespräch in eine entsprechende Beratungsstelle zu gehen und sich Hilfe von einer Jugendtherapeutin zu holen, die Sie und/oder die Kinder unterstützt. Es wäre wichtig, den Klassenvorstand der Kinder in der Schule zu informieren, um so ein besseres Verständnis für die momentane psychische Situation zu bekommen.

Kinder spüren sehr genau und gut, wenn etwas in der Luft liegt. Sie merken z. B. dass viel heimlich telefoniert wird, dass eine gedrückte Stimmung vorherrscht, sie sehen auch, dass sich der an Krebs erkrankte Elternteil verändert, z.B. Haarausfall durch eine Chemotherapie, Operationsnarben und auch Müdigkeit und Erschöpfung werden bald offensichtlich. Daher ist es wichtig, mit Kindern zu reden und sie in die neue Situation einzuweihen, denn sonst wird die Fantasie der Kinder zu groß, und übersteigt oft die Realität. Bei der Wiener Krebshilfe stehen zwei Kinder- und Jugendtherapeutinnen aus dem Projekt „Mama/Papa hat Krebs“ gerne zu einem Beratungsgespräch zur Verfügung. Auch die Kinder können zur kostenlosen Beratung zu uns kommen. Außerdem schicken wir gerne die Broschüre „Mama/Papa hat Krebs“ zu oder Sie laden Sie unter www.krebshilfe-wien.at herunter.

Krebs und Einsamkeit sind sehr oft miteindander verbunden und nach wie vor zwei Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Eine Krebserkrankung fordert das ganze Familiensystem, Rückzug erfolgt häufig aus Angst, den anderen nicht belasten zu wollen. Einsamkeit entsteht häufig aus Sprachlosigkeit – ganz wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben. Oft helfen Kleinigkeiten wie z.B. ein Spaziergang, ein Ausflug, ein Besuch oder einfach nur gemeinsam zu lachen. Die Wiener Krebshilfe bietet Hilfe für Betroffene und Angehörige.