Palliativmedizin: Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke

Bild von Univ. Prof. Dr. Herbert WatzkeUniv.-Prof. Dr. Herbert Watzke, Leiter der Palliativstation am AKH Wien, beantwortet häufig gestellte Fragen zu Schmerzbehandlung, Ernährung, Schlaf, Mobilität, soziales Umfeld, Hospizdienste, Selbstbestimmungsrecht u.v.m.

 

Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke – Kurzportrait

Dr. Herbert Watzke, Universitätsprofessor für Palliativmedizin, leitet seit 2001 die Palliativstation am AKH Wien und unterrichtet an der Medizinischen Universität Wien. Er ist unter anderem Vorstandsmitglied der Österreichischen Palliativgesellschaft und Koordinator der Austrian Palliative Care Study Group, die Studien zum Thema Palliativmedizin an den österreichischen Palliativstationen durchführt.

Herr Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Hämatologie und Onkologie. Er ist Autor zahlreicher national und international veröffentlichter wissenschaftlicher Publikationen auf dem Gebiet der Inneren Medizin und der Palliativmedizin.

Kontakt: herbert.watzke(at)meduniwien.ac.at

detaillierter Lebenslauf von Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke (.pdf, 120K)
Dieses pdf ist barrierefrei.

 

Wieviel "Wahrheit" kann/soll man einem Menschen am Lebensende zumuten?

Diese Situation ist sicher sowohl für den Erkrankten als auch für die gesamte Familie sehr belastend. Das Ziel sollte sein, dass ein ehrlicher Umgang mit der Erkrankung innerhalb der Familie entsteht. Wir sprechen deshalb zuerst mit dem Patienten, loten dabei aus, was er über seine Erkrankung und seine Prognose weiß, und führen ihn dann an die Realität heran. Es wird dann mit dem Patienten besprochen, dass es günstig wäre, auch die Familienangehörigen auf den selben Stand des Wissens zu bringen. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie sich dann der Umgang der Familienmitglieder untereinander entspannt. Die Lebensqualität des Patienten als auch die der Angehörigen wird dadurch deutlich verbessert.

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Ist es üblich, krebskranken Patienten, die an einer Depression leiden, Medikamente dagegen zu verordnen?

Viele Patienten mit fortgeschrittener Krebserkrankung leiden an einer durch den Krebs verursachten Depression, die sich in einem Unwillen weiter leben zu wollen äußern kann. Depression zeigt sich auch darin, dass diese Patienten ständig an ihre Erkrankung denken müssen und es zu einer Einengung der Gedankenwelt kommt. In dieser Situation gibt es Medikamente, die bewirken, dass die Gedanken wieder freier werden, dass der Patient dadurch auch wieder froher wird. Ich würde dringend raten, einen Arzt aufzusuchen, der derartige Medikamente verschreibt.

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Werden auf der Palliativstation nur ältere Patienten behandelt oder können auch jüngere aufgenommen werden?

Wir behandeln mit Ausnahme von Kindern (die im St. Anna Kinderspital behandelt werden) Patienten aller Altersstufen. Weil die Krebserkrankungen aber vorwiegend bei älteren Menschen auftreten, behandeln wir wesentlich seltener junge Menschen. Die haben allerdings häufig einen sehr dramatischen Krankheitsverlauf und stellen für das Palliativ-Team sicherlich eine Herausforderung dar.

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Können z.B. Craniosacrale Therapie, Osteopathie oder ähnliche Therapieformen für unheilbar kranke Menschen Erleichterung bringen?

Meist wird den Patienten Physiotherapie angeboten. Die Patienten sind oft bettlägrig und haben auch schmerzbedingte muskuläre Verspannungen. Um diese zu behandeln, eignen sich zum Beispiel Massagen oder andere physiotherapeutische Maßnahmen.

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Soll eine an Krebs erkrankte Person mit Knochenmetastasen von Physiotherapeuten mobilisiert werden?

Vor dem Versuch aufzustehen, sollte man unbedingt mit dem Arzt sprechen, ob eine Mobilisierung gefahrlos möglich ist. Wenn dies der Fall ist, ist eine Physiotherapie sinnvoll, weil erwiesen ist, dass körperliches Training auch in einem fortgeschrittenen Stadium die Lebensqualität deutlich verbessert. Allerdings ist es so, dass es in einem fortgeschrittenen Krebsstadium zu einem nicht mehr aufhaltbaren Muskelschwund kommt, der letztlich die Mobilisierung unmöglich macht. Es mangelt deshalb den Patienten oft nicht am Willen, sondern an den fehlenden Muskeln.

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Welche (alternativmedizinischen) Möglichkeiten gibt es, den Appetit einer an Krebs erkrankten Person zu steigern?

Alternativmedizinische Maßnahmen sind Teil der Palliativmedizin und der Onkologie an sich, da ja die Mehrzahl von Patienten mit Krebserkrankungen alternativmedizinische Therapien durchführt. Wichtig dabei ist, dass nicht zu viele Maßnahmen gleichzeitig versucht werden. Am aller wichtigsten ist aber, dass diese Maßnahmen in keinem Fall zu einer zusätzlichen Belastung des Patienten führen. In der Palliativmedizin ist das oberste Gebot alles, was die Lebensqualität des Patienten verschlechtert, auch wenn es gut gemeint und nur kurzfristig sein sollte, zu vermeiden. An unserer Station stehen wir diesen Maßnahmen offen gegenüber und beraten die Patienten auch hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen. Prinzipiell ist in diesem Krankheitsstadium alles was dem Patienten hilft (und ihm nicht schadet) willkommen, auch wenn es im schulmedizinischen Sinn nicht als wirksame Therapie eingestuft wird.

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Ist der Glaube eine Hilfe, um Schmerzen besser zu ertragen?

Es ist in großen Studien bewiesen, dass ein Glaube, der dem Leben und der Krankheitssituation Sinn geben kann, in der Lage ist, die Lebensqualität von Krebspatienten zu verbessern. Patienten, die einen Sinn im Leben erkennen, bewältigen die Krankheitssituation besser und sind von Symptomen der Erkrankung wie etwa Schmerzen weniger stark betroffen. Es ist deshalb unsere Bestrebung, allen unseren Patienten eine spirituelle Begleitung anzubieten.

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Unter welchen Voraussetzungen kann man im Hospiz am Rennweg aufgenommen werden?

Das Hospiz Rennweg ist eines der ältesten Hospize in Wien und hat einen ausgezeichneten Ruf. Um im Hospiz untergebracht zu werden, setzen Sie sich direkt mit ihm in Verbindung. Die Telefonnummer lautet: 01/71753-3220. www.cs.or.at

Für weitere Informationen steht Ihnen auch der onkologische Telefondienst der Selbsthilfegruppe Darmkrebs - jeden Mittwoch von 16:00 - 17:00 Uhr unter 0699 10 08 47 82 zur Verfügung. http://www.derdickdarm.org/beratung.php

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Wird man bei der Einnahme von Morphium, das man wegen starker Tumorschmerzen erhält, davon abhängig?

Morphine sind die am Besten wirksamen Medikamente gegen starke Schmerzen. Gerade Krebspatienten finden mit weniger stark wirksamen Medikamenten nicht das Auslangen. Morphine können außerdem extrem hoch dosiert werden. Deshalb braucht man sich auch nicht davor zu fürchten, dass bei einem frühzeitigen Beginn der Morphintherapie im Krankheitsverlauf die Dosis nicht erhöht werden könnte. Sie machen außerdem absolut keine Abhängigkeit, wenn sie regelmäßig verabreicht werden, wie dies zum Beispiel auch bei einem Morphinpflaster der Fall ist. So können zum Beispiel, wenn die Ursachen der Beschwerden durch eine Operation oder Chemotherapie wegfallen, auch höchste Morphindosen wieder problemlos abgesetzt werden.

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Kann man Schmerzen wirklich so behandeln, dass man schmerzfrei wird - auch wenn man unter starken neuralgischen Schmerzen leidet?

Man kann heute Schmerzen so behandeln, dass man tatsächlich schmerzfrei wird. Bei vielen Patienten bleibt noch ein geringer Restschmerz. Sie geben an, dass sie auf einer Schmerzskala von 0 (=keine Schmerzen) bis 10 (= maximaler Schmerz) bei etwa 1 bis 2 liegen. Das beeinträchtigt sie allerdings im täglichen Leben und in ihrer Lebensqualität nicht.

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Nach welchen Prinzipien wird in Krankenhäusern oder ähnlichen Institutionen am Lebensende gehandelt?

In Österreich kann jeder Patient zu jedem Zeitpunkt jede Behandlung ablehnen. Er muss deshalb trotzdem von den ihn betreuenden Ärzten weiter versorgt werden. Für den Fall einer möglichen Bewusstlosigkeit und der Unfähigkeit dann Entscheidungen zu treffen, kann man vorsorgen, indem man eine Patientenverfügung ausstellt. Dabei teilen Sie einem Arzt die Maßnahmen mit, die Sie im Falle einer Bewusstlosigkeit ablehnen würden (z.B. Wiederbelegung). Das wird niedergeschrieben und von einem Notar bestätigt und ist dann für die Ärzte absolut bindend. Sie können aber auch einer Person Ihres Vertrauens eine sogenannte Vorsorge-Vollmacht ausstellen, in der Sie diese Person berechtigen, in Ihrem Namen medizinische Entscheidungen zu treffen.

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Wie kann man die Verlegung eines schwerkranken Patienten auf die Palliativstation des AKH erwirken?

Im Wesentlichen werden auf der Palliativstation im AKH Patienten, die bereits im AKH behandelt werden, weiter betreut. Sie müssten mit Ihrem Arzt besprechen, wo eine Palliativversorgung in Ihrer Nähe möglich ist. Alternativ könnte eine Zuweisung nur über eine Vorstellung in der Onkologischen Ambulanz des AKH erfolgen.

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Welche Möglichkeiten gibt es, einen Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs zur Nahrungsaufnahme zu motivieren?

Der Appetitverlust ist ein großes praktisches Problem. Der Krebs bewirkt, dass der Erkrankte keinen Appetit mehr verspürt. Er bewirkt weiters, dass auch die Nahrung die der Patient zu sich nimmt, nicht aufgenommen und auch vom Körper nicht umgesetzt werden kann. Man sollte versuchen, nur das zu kochen, was dem Patienten schmeckt und nicht das, was gemeinhin als gesund bezeichnet wird. Kleine Portionen sind sicherlich vorteilhaft. Wichtig ist weiters, dass auf den Patienten kein Druck ausgeübt werden soll, unbedingt zu essen. In dieser Situation verlängert eine Nahrungsaufnahme das Leben nicht und verbessert auch nicht die Lebensqualität. Die meisten Patienten trinken ohnehin ausreichend, was viel entscheidender ist.

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Haben Personen mit familiärer Vorbelastung ein erhöhtes Risiko an Darmkrebs zu erkranken? Ab welchem Alter steigt das Risiko?

Prinzipiell ist es so, dass Personen mit an Darmkrebs erkrankten Angehörigen ein erhöhtes Risiko für eine Darmkrebserkrankung besitzen.
Ich würde deshalb in dieser Situation eine Dickdarmspiegelung im Alter von 50 Jahren als Vorsorgeuntersuchung empfehlen. Eine Untersuchung vor dem 50. Lebensjahr ist eher nicht sinnvoll, da Darmkrebserkrankungen in der Regel nach dem 50. Lebensjahr auftreten.

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Wie kann eine rectovaginale Fistel nach einer Dickdarm-OP (mit Stoma) behandelt werden?

Die einzig wirksame Therapie der Fistel ist ein chirurgischer Verschluss. Wenn dieser nicht möglich ist, kann eine Rückoperation des Stomas nicht erfolgen. Aber es ist durchaus möglich, dass es zu einer Heilung von selbst oder unter einer möglicherweise noch notwendigen Chemotherapie kommt.

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Gibt es auf der Palliativstation im AKH die Möglichkeit einer spirituellen Begleitung?

Ja, wir bieten spirituelle Begleitung an. Die WHO Definition der Palliativbetreuung beinhaltet die spirituelle Begleitung in der entsprechenden Glaubensrichtung.

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